Im Gespräch - Nachwuchs trifft Wirtschaft 

   
 




Paul Keller
(vorne links) unterrichtet Mathematik, Politik und Religion an der Albert-Schweitzer-Realschule in Krefeld und kümmert sich um den Übergang seiner Schüler ins Berufsleben. Eigentlich wollte er katholischer Pfarrer werden. Dann lernte er seine heutige Frau kennen und wurde Lehrer.


Nadja Wamers und Natalie Kossizin
(v. l. n. r.) gehen beide in eine 10. Klasse der Erich-Kästner-Realschule, Kempen, und sind Redakteurinnen der Kästner Zeitung. Natalie möchte, seitdem sie das erste Mal geflogen ist, Stewardess werden. Nadja weiß noch nicht genau, was sie werden will. Aber irgendetwas im sozialen Bereich soll es sein. Beide wollen nach der Fachoberschulreife zwei weitere Jahre zur Schule gehen, um ihr Fach-Abitur zu machen.
 


Jens Wenglarz
ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Niederrhein Krefeld-Viersen-Neuss und Leiter des Bildungszentrums Niederrhein. Er wollte in seiner Jugend Ingenieur werden, merkte aber während des Studiums, dass ihm bei diesem Beruf der Umgang mit Menschen gefehlt hätte. So wechselte er nach drei Semestern radikal zur Sozialpädagogik und kümmert sich seitdem um Jugendliche der deren Übergang von der Schule in den Beruf und in der Ausbildung.
 


Dr. Edgar Lapp
(ganz links) ist Leiter der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit Krefeld. Seine Traum von einem Beruf wechselte in seiner Jugend öfter. Schließlich entschied er sich, Lehrer zu werden, änderte aber auch diese Meinung während des Studiums, blieb an der Uni und promovierte im Bereich der allgemeinen Sprachwissenschaften. Schon in dieser Zeit half er Studenten der Geisteswissenschaften, einen Beruf zu finden, entdeckte hierin sein Talent und kam darüber zur Agentur für Arbeit.
 

Friederike Babucke, geht in die 10. Klasse der Erich-Kästner-Realschule, Kempen, und ist Redakteurin der Kästner Zeitung. Sie ist noch sehr unsicher, was sie werden will. Um auf der sicheren Seite zu sein, will sie deshalb doch das Abitur machen und wechselt mit der Fachoberschulreife aufs Gymnasium.

 

 

Samantha Dülberg (Mitte), machte das Kleeblatt aus der Erich-Kästner-Realschule, Kempen, zu einem vierblättrigen. Sie ist nicht nur Redakteurin der dortigen Schülerzeitung, sondern würde den Journalismus auch gerne zur ihrem Beruf machen. Oder Grundschullehrerin werden. Aus Sicherheitsgründen will sie auf jeden Fall erst einmal das Abitur machen und geht nach den Sommerferien aufs Gymnasium.

 

 

Kirsten Möller-Nengelken, Leiterin der Studienberatung an der Hochschule Niederrhein, wusste nach dem Abitur erst einmal nicht, wohin ihr Weg gehen sollte. Sie studierte schließlich Bekleidungstechnik, arbeitete als diplomierte Modedesignerin, stellte aber bald fest, dass ihr dieser Beruf nicht lag. Über viele Umwege kam sie dann an die Hochschule, merkte, dass sie ihre eigenen Erfahrungen bei der Berufswahl in der Studienberatung hervorragend einbringen kann und machte daraus ihre Berufung.

 

 

Dr. Frank Lorenz, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein, wusste ab der 12. Klasse, dass er studieren, schnell wirtschaftlich unabhängig werden und die heimischen Gefilde verlassen wollte. Ab dieser Erkenntnis ging er sehr zielstrebig vor. Er zog nach dem Abitur zum Bund, ließ sich sein Studium von der Bundeswehr finanzieren, machte anschließend eine Trainee-Ausbildung in einer Großbank, wechselte später zu den Volks- und Raiffeisenbanken und leitete die Berufsakademie für Bankwirtschaft. Schließlich kam er zur IHK, wo er heute für den Bereich Aus- und Weiterbildung verantwortlich ist.

 


Jan Hagemus, geht in die 10. Klasse des Gymnasiums am Stadtpark Uerdingen in Krefeld und ist Chefredakteur der Schülerzeitung ParkAss. Jan möchte Medizin studieren und Arzt werden. Oder Lehrer, sollte das Abitur nicht für den Numerus Clausus reichen. Er jobbt bereits jetzt im Sanitätsdienst, um sich ein Bild von dem Beruf machen zu können.
 


Susanne Feldges,
Redakteurin von CHECK IN Berufswelt 2010, machte nach Fachoberschulreife, Wirtschaftsschule und einem Au-Pair-Aufenthalt in Frankreich ihren Arbeitswunsch zunächst einmal von den Einkommensmöglichkeiten abhängig. Nach einer Ausbildung zur Werbekauffrau ging sie in die Public Relations und arbeitete für viele namhafte Unternehmen. Heute ist sie freie Wirtschaftsjournalistin und selbständige PR-Beraterin. Inzwischen steht die Freude an der Arbeit über dem Einkommen.
 


Astrid Holzhausen
ging mit einem Realschulabschluss ins Berufsleben. Heute ist sie Leiterin der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmerschaft Niederrhein und hat inzwischen sogar zwei universitäre Abschlüsse. Zunächst führte sie ihr Weg jedoch zur Bundeswehr und zu einer Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Anschließend holte sie ihr Fach-Abitur nach, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, begann bei einem Arbeitgeberverband zu arbeiten, hängte ein berufsbegleitendes Aufbaustudium zum Thema E-Learning an und ist seitdem in allen Fragen der Aus- und Weiterbildung bewandert.

 

Fotos: Robert Poorten 

 


Nachwuchs trifft Wirtschaft
Hey, was geht ab?

Vier Realschülerinnen, ein Gymnasiast, ein Lehrer sowie fünf Vertreter der hiesigen Wirtschaft und der Hochschule Niederrhein. Gipfeltreffen bei der Industrie- und Handelskammer in Krefeld. Ein Annäherungsversuch. Nach einer Stunde miteinander Reden gehen sie auseinander. Im Gepäck: Jede Menge Informationen. Und die Erkenntnis, dass beide Seiten viel voneinander erfahren können.

 

Wenigstens ein Jahr, bevor die Entscheidung für eine Ausbildung ansteht, sollte man sich informieren und beraten lassen. Ihr habt die Berufsberatung in der Schule, Eure Lehrer sprechen mit Euch über den Weg ins Berufsleben. Aber doch machen sich viele erst Gedanken über ihr Leben nach der Schule, wenn sie schon fast das Abschlusszeugnis in der Hand haben. Woher kommt das?

Nachwuchs: Viele denken, dass es bis dahin immer irgendwie geklappt hat und es danach so weitergehen wird.

 

Kann es sein, dass Ihr angesichts negativer Medienberichte Angst vor dem Schritt ins Berufsleben habt?

Nachwuchs: Ich bin jetzt bald zehn Jahre zur Schule gegangen. Danach ändert sich der gesamte Alltag. Ob das gut ist oder nicht, was da wirklich auf einen zukommt? Davor habe ich schon Angst. Und wenn man zum Beispiel Nachrichten sieht, erfährt man auch immer die Arbeitslosenzahlen. Da habe ich Angst vor.

 

Viele Jugendliche bewerben sich, anscheinend wegen dieser Angst, auf alles, was irgendwo gemeldet wird, ohne sich Gedanken über die eigenen Stärken gemacht zu haben. Ist das ein Weg?

Ich denke, es ist besser, zielgerichtet vorzugehen. Es macht bestimmt keinen Sinn, einen Beruf zu erlernen, an dem man überhaupt keinen Spaß hat. Dann lässt man die Ausbildung ganz sicher schleifen.

 

Wie sieht das in Eurem Freundeskreis aus?

Viele von unserer Schule machen ihre Ausbildung dort, wo sie auch ihr Praktikum gemacht haben, weil es ihnen dort gefallen hat. Aber die meisten aus unserer Klasse machen noch ein paar Jahre Schule, weil sich fast alle noch unsicher sind, was sie machen sollen.

 

Wir machen so viele Aktionen, die Jugendlichen sagen wollen, dass sie zu uns in die Ausbildung kommen sollen. Aber viele gehen weiter zur Schule und versuchen, das Abitur zu machen. Sagen wir zu leise, dass Ihr kommen sollt?

 

Eigentlich nicht, aber vielen wird es zu früh ernst. Dann melden sie sich lieber an einer noch weiter führenden Schule an und schauen erst noch mal ein bisschen weiter. Viele haben aber auch Angst vor dem Berufsleben, weil sie dann plötzlich selbständiger sein müssen, mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen müssen.

 

Lehrer: Wir machen viel zur Vorbereitung auf das Berufsleben, aber am Ende sagen die Schüler doch, dass sie weiter zur Schule gehen wollen. Erst wenn dann die Absagen von den Schulen kommen, fragen sich die Jugendlichen, was sie machen sollen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie gezielt in einen Beruf wollen. Im Gegenteil: Sie schieben die Entscheidung vor sich her und meinen, das mit besseren Schulleistungen kompensieren zu können.

 

Aus unserer Sicht ist das inzwischen ein riesengroßes Problem. Viele Ausbildungsplätze bleiben leer, weil die Unternehmen nicht genügend Interessenten finden. Dabei suchen sie händeringend guten Nachwuchs. Wir stellen fest, dass sich immer mehr Schulabgänger mit der Fachoberschulreife für eine Fortsetzung der schulischen Laufbahn entscheiden, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt ein gutes Zeugnis haben und auch aus Sicht der Unternehmen Ausbildungsreif sind. Nur gut ein Drittel der 6.000 Jugendlichen, die jedes Jahr in unserer Region eine Ausbildung beginnen, haben die Fachoberschulreife. Ganze Klassenverbände verschwinden in einer weiterführenden schulischen Laufbahn.

 

Wie sieht das denn im Handwerk aus?

Wer einmal in Richtung Selbständigkeit gehen will, hat im Handwerk den kürzesten Weg. Aber die Meisterschule und eine Selbständigkeit schafft man mit dem Hauptschulabschluss sicher nicht so gut wie mit einem Realschulabschluss oder einem vom Gymnasium. Man darf aber auch nicht vergessen, dass über die Hälfte den Abschluss auf dem Berufskolleg nicht schaffen. Da ziehen also viele mutig voran, scheitern aber auf diesem Weg oder kommen mit so einem schlechten Zeugnis an, dass es ihnen mehr schadet als es genutzt hat. Die fehlen uns im Handwerk ganz massiv und hätten es zu einem früheren Zeitpunkt bei der Bewerbung leichter gehabt.

 

Aber es hat ja auch immer geheißen, wir sollen den bestmöglichen Abschluss machen, um die meisten Chancen zu haben. Jetzt hören wir, dass die Fachoberschulreife genügt? Das ist ziemlich verwirrend.

Von dieser teilweise schon fixen Idee, dass Ihr alle den höchstmöglichen Bildungsabschluss machen müsst, müsst Ihr runter kommen. Viele Unternehmen wollen gar nicht mehr unbedingt Leute, die Abitur haben. Die gehen ihnen zu oft nach der Ausbildung wieder in Richtung Universität flöten. Aber ein Unternehmen braucht nicht nur Häuptlinge, sondern auch gute Indianer. Wir suchen auch gut ausgebildete Fachkräfte und da klappt die Ausbildung schon mit dem mittleren Bildungsabschluss.

 

Wie soll man denn entscheiden, welcher Schulabschluss der beste ist?

Das Entscheidende ist: Ihr braucht ein Ziel. Das kann auch erst einmal ein Etappen-Ziel sein. Die Fachoberschulreife kann das also genauso gut sein wie das Abitur oder eine Ausbildung. Die Frage ist, was man mit seinem Abschluss machen will. Und diese Frage sollte man sich stellen, bevor man drei Jahre in die Schule geht, obwohl man den damit erreichten Abschluss für sein Ziel gar nicht braucht. In der Sekundarstufe I war ich ziemlich unterdurchschnittlich. Einen richtigen Schub habe ich erst gemacht, als mir klar war, dass ich studieren will. Egal was. Ich wollte finanziell unabhängig werden und ein bisschen was von der weiten Welt sehen. Da bekam das Ganze auf einmal Drive. Zielstrebigkeit erleichtert das Vorwärtskommen immer ungemein.

 

Also durchquälen durchs Gymnasium und irgendwie bestehen, ist verlorene Zeit?

Den höchsten Bildungsabschluss anzustreben ist gut, aber nicht um jeden Preis. Wenn Ihr ein schlechtes Abitur macht, konkurriert Ihr danach bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz mit denjenigen, die eine gute Fachoberschulreife gemacht haben. Was immer gut ankommt, ist gut zu sein. Im Gegenzug kommt es natürlich schlechter an, schlecht zu sein.

 

Das Bildungssystem in Deutschland ist so flexibel und durchlässig, dass ich mit 16 oder 19 noch nicht die Entscheidung für mein ganzes Leben treffen muss. Wenn ich mit 16 eine Ausbildung anfange, heißt das nicht, dass das Thema Allgemeine Hochschulreife und Studium, Promotion damit für immer erledigt ist. Ich kann das auch zu einem anderen Zeitpunkt machen. Ich würde immer sagen: Lieber da einsteigen,  wo ich jetzt die richtigen Voraussetzungen habe.

 

Außerdem kann man sogar während der Ausbildung noch das Abitur machen. Auch das ist möglich. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan.

 

Auch sollte man bedenken, dass inzwischen selbst an den Fach-Hochschulen immer mehr Studiengänge einen Numerus Clausus haben. Auch an der Hochschule Niederrhein haben nur noch die Studiengänge Mechatronik, Elektrotechnik, Informatik und Verfahrenstechnik keine Zulassungsbegrenzung.

 

Aber wenn man Ihre Wege zu den heutigen Positionen sieht, haben Sie auch nicht gleich ihre Ziele gefunden.

Das stimmt. Deshalb haben wir auch eine ganze Menge Verständnis für diese Situation und können Jugendlichen bei dieser Entscheidung wirklich helfen.

 

Und was sind die typischen Ratschläge?

Wenn man sich früh umsieht, viele Gespräche mit möglichst vielen Leuten führt, dann findet man auch den Beruf, der für einen der beste ist.

 

Man muss sich diese Entscheidung aber auch erarbeiten. Dafür sollte man sich klar machen, wo die persönlichen Stärken sind und welche Fähigkeiten man vielleicht schon hat. Viele Jugendliche beschäftigen sich damit überhaupt nicht mehr, gehen zur Berufsberatung und meinen, die können einem sagen, wo es lang geht. Manchmal hilft es, wenn man mit seinen Freunden spricht: Was glaubst Du, was ich besonders gut kann, wo meine Stärken sind? Denn oft sind es Tendenzen, die sich im Hobby oder im ganz persönlichen Bereich zeigen, die Hinweise auf die berufliche Entwicklung geben. Und wenn man versucht, das selbstkritisch zu analysieren, dann kommt man bei dieser Entscheidung einen guten Schritt weiter.

 

Und Ihr solltet auch an die Quelle von Informationen gehen. Ich finde es schade, dass die Jugendlichen oft nur das Internet wählen und nicht direkt zum Ort des Geschehens gehen. Wenn Ihr eine Frage zum Studium habt, solltet Ihr zuerst zur Hochschule gehen. Auch von den Unternehmern selbst bekommt man viele wichtige und konkrete Antworten. Der CHECK IN DAY ist eine gute Gelegenheit, Auszubildenden wie Ausbildern viele Fragen zu stellen.

 

Bei 350 verschiedenen Ausbildungsberufen, über 2.500 Studiengängen ist das Praktikum ein guter Weg, einen Eindruck davon zu bekommen, was gegebenenfalls in der Ausbildung auf einen zukommt. Wenn man am Ende festgestellt hat, dass das genau nichts ist, dann ist auch das eine wichtige Erkenntnis. Habt Ihr denn schon ungefähre Vorstellungen von Eurem Berufsleben?

Bei uns im Gymnasium ist das leider so, dass zwar in der 8. Klasse das Thema Berufsinformation kommt, aber ein Praktikum erst in der 11. Diejenigen, die also jetzt in der 10. mit dem Gedanken spielen, eventuell eine Ausbildung zu machen, die haben auf dem Gymnasium gar keine Möglichkeit gehabt, sich zu orientieren. Vielleicht sollte man da ansetzen und ein Praktikum auch schon im Gymnasium in der Sekundarstufe I machen. Natürlich könnte man in den Ferien ein freiwilliges Praktikum machen, aber dafür braucht man einfach einen Denkanstoß. Bei uns heißt es eigentlich immer, dass wir Abitur machen sollen, weil alles andere nichts bringt. Dann fehlt natürlich auch die Motivation, solange man denkt, dass man eh Abitur machen will. Warum sollte man denn dann zum Beispiel ins Handwerk gehen und sich ansehen, was ein Schreiner macht. Dann kann ich auch auf das Praktikum in der 11. warten.

 

Mir ist schon lange klar, dass ich etwas mit Kindern machen möchte. Meine wichtigste Informationsquelle war zum einen meine Mutter, zum anderen habe ich im Internet gegoogelt, was es da so alles gibt. Und mein Schulpraktikum habe ich in einem Kindergarten gemacht. So weiß ich auch, dass mir die Richtung gefällt, aber noch nicht, was genau.

 

Ich habe im Praktikum gemerkt, dass mir die Schule eigentlich Spaß macht. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, einfach nur die Seite zu wechseln. Aber mir ist eine Warnung in Erinnerung, dass man das besser nicht werden sollte, weil das eben so viele machen. Solche Informationen verunsichern.

 

Wisst Ihr auch, was die Unternehmen von Euch erwarten werden?

Dass die Jugendlichen auch das können, was sie in der Schule gelernt haben. Aber viele Sachen, die man vielleicht in der 5. Klasse gelernt hat, weiß man dann schon gar nicht mehr. Bestimmt aber auch so Dinge wie Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit.

 

Oder sind es doch nur die Noten, die entscheiden?

Zunächst legen die Unternehmen fest, welchen Schulabschluss sie für mindestens nötig halten. Dann wird geguckt, wie sehen die Noten in den Kernfächern Deutsch, Mathe, Englisch aus. Da wünscht sich natürlich jedes Unternehmen nach Möglichkeit den Schüler, der möglichst gute Noten hat. Mittlerweile haben aber die Unternehmen erkannt, dass gute Noten alleine nicht das Allheilmittel sind. Vielmehr gilt: Das Können dokumentiert ein Stück weit die Schulnote. Aber das Wollen, das zeigt die Art und Weise der Bewerbung.

 

Worauf kommt es denn bei der Bewerbung an?

Nehmen wir zum Beispiel ein kleines Unternehmen aus der Region, das pro Jahr vielleicht nur 200 Bewerbungen auf seine Ausbildungsplätze bekommt. Wenn der Personalverantwortliche schon beim Anschreiben sieht, dass das irgendwo aus dem Internet kopiert und der Jugendliche das vermutlich sowohl für die Bewerbung bei der Gärtnerei wie bei einer Werkstatt verwendet hat, dann sagt der Entscheider mit Sicherheit: Weg damit! Das ist jemand, der interessiert sich nicht wirklich für uns.

 

Stimmt es, dass in vielen Betrieben inzwischen mehr auf die Kopf- als auf die Schulnoten gesehen wird?

Wichtig ist, dass die schulischen Noten nicht unter eine bestimmte Schmerznote fallen. Bei den Kopfnoten ist es so eine Sache. Die Betriebe kennen die Schulen hier ganz gut. Es gibt einige, die geben einfach allen die gleiche Kopfnote. Da geben dann Unternehmer nichts mehr drauf. Das worauf sie aber immer achten und was ein hundertprozentiges Ausschluss-Kriterium ist, sind unentschuldigte Fehlzeiten.

 

Lehrer: Das unterschätzen oft besonders Jugendliche mit guten Noten in den Schulfächern. Die meinen oft, sie seien ja unheimlich gut und alles andere wäre unwichtig. Und dann haben sie auf dem Zeugnis auf einmal eine Vier in den Kopfnoten und das heißt in Kopfnoten unbefriedigend. Denn unentschuldigte Fehlstunden tauchen zwar auf dem Abschlusszeugnis nicht auf, werden aber unter Sozialverhalten und Leistungsbereitschaft eingerechnet.

 

Auf soziale Kompetenzen achten die Ausbilder sehr. Inzwischen halten sie über 20 Prozent aller Schulabgänger meistens aus Mängeln in diesen Fähigkeiten für nicht ausbildungsreif. Habt Ihr eine Idee, woher das kommt?

Nachwuchs: Wenn wir über die Berufswahl im Unterricht sprechen, geht es eigentlich immer nur um die fachlichen Voraussetzungen, also dass wir den Stoff beherrschen. Soziale Kompetenzen kommen bei uns überhaupt nicht vor. Bei uns heißt es immer nur: Deutsch, Mathe, Englisch – möglichst Note Drei und besser. Und im Kernfach wenigstens eine Zwei. Aber so Sachen wie pünktlich sein, gut gekleidet kommen, freundlich sein, das ist nie ein Thema. Also entweder wird das vergessen oder als selbstverständlich vorausgesetzt oder gedacht, dass das die anderen Lehrer schon mal erwähnt haben. Das denkt dann jeder und keiner macht es. Das ist meines Erachtens ein großes Problem.

 

Wie sieht es mit Disziplin aus? Angeblich sind Jugendliche es nicht gewöhnt, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Wie könnte man das vermeiden?

Mit etwas mehr Druck von den Lehrern. Fehlverhalten muss Konsequenzen haben. Wenn die Lehrer es durchgehen lassen, dass die Schüler zu spät kommen, dass sie ihre Hausaufgaben nicht machen, dann können die Jugendlichen das gar nicht lernen.

Ich finde aber das kommt auch darauf an, wie das Zuhause ist. Wie die Eltern so sind und was sie ihren Kindern mitgeben. Also ich zum Beispiel habe die Einstellung, dass ich das mit dem Gymnasium und dem Abitur schaffen will. Weil irgendwann will ich sicher im Leben stehen. Es hat insgesamt viel mit der Selbsteinstellung zu tun. Dass man sagen muss: Ich will das.

 

Wie ist das eigentlich bei Euren Studienplänen? Wisst Ihr denn was da auf Euch zukommt? Ihr könntet beispielsweise auch einmal in Vorlesungen reinschnuppern und an der Hochschule Niederrhein ein Praktikum machen. Wäre das etwas für Euch?

Dass man das Leben an der Hochschule ausprobieren kann, davon habe ich noch nie etwas gehört.

 

Hochschule Niederrhein: Das Modell des Orientierungspraktikums an Hochschulen war auch zunächst vom Wissenschaftsministerien so ausgelegt, dass es nur für Gymnasien gelten sollte. Wir fanden das Modell aber so gut, dass wir es an der Hochschule Niederrhein als Serviceleistung für die ganze Sekundarstufe II inklusive Gesamtschulen und Berufskollegs eingeführt haben. Denn auch uns, den Hochschulen, ist daran gelegen, dass die Studienwahl durchdacht getroffen wird. Es nützt auch uns nichts, wenn ein Studium abgebrochen wird. Wobei ich eines auch in der Studienberatung immer wieder sage: Man darf im Lebenslauf auch einen Bruch haben. Die Jugendlichen stellen sich unglaublich unter Druck, keine Fehlentscheidung zu treffen. Aber wenn man sich aus dieser Angst heraus zu sehr unter Druck setzt oder zu lange zögert, dann ist das eigentlich genauso schade wie ein Abbruch.

 

Und was ist mit den Vorhersagen, welche Absolventen in Zukunft gesucht sein werden und welche nicht?

Blendet alle Prognosen aus, bei denen es heißt, dass dieser oder jener Beruf im Moment nicht gesucht ist. Ihr müsst Euch nur sicher sein, dass Euch dieser Beruf liegt. Zu meiner Zeit wurde beispielsweise allen davon abgeraten, Lehrer zu werden. Es gebe sie wie Sand am Meer. Alles Quatsch. Heute werden sie gesucht. Ich würde mich immer für das entscheiden, womit ich mich am stärksten identifizieren kann. Weil dann werde ich gut. Und wenn ich gut bin, habe ich alle Perspektiven, mehr daraus zu machen. Deshalb: Ihr müsst wissen, wo Eure Interessen sind und was Eure Stärken sind. Alles andere ergibt sich dann.

 

Dann danken wir Euch erst einmal sehr herzlich, dass Ihr Euch für unsere Fragen mitten im Prüfungsstress so viel Zeit genommen habt. Konnten wir Euch denn auch ein paar Erkenntnisse mitgeben?

Dass man sich vielleicht doch erst einmal überlegen sollte, was man machen will, bevor man das Abitur unbedingt macht.

 

Wir können Euch nur ermuntern zu sagen: Ausbildung, warum nicht? Riskiert es. Der Bedarf ist da.